Der historisch-kritische Ansatz in der Koranexegese

Während wir die Diskussion um die historisch-kritische Koranexegese zu verfolgen versuchen, gehen wir von der zeitlichen und räumlichen Universalität der koranischen Gebote aus, vertreten aber die Meinung, dass in jeder Epoche die sich immer weiter entwickelnden Methoden der Koranexegese erweitert werden müssen.

Der Koran ist ein Buch göttlichen Ursprungs, das in Form einer Offenbarung (Wahij) von Allah an den Propheten Muhammad (saw) gesandt wurde.  Auch wenn in der Vergangenheit über das Wesen des Korans, also, ob er geschaffen oder unerschaffen sei, diskutiert wurde, gab es keine nennenswerten Meinungsverschiedenheiten bezüglich des Wertes der Offenbarung. Sowohl der offenbarte Wortlaut als auch seine Bedeutung wurden als göttlich angesehen und standen nicht zur Diskussion. Genauso haben die Muslime nie an der Authentizität des koranischen Textes gezweifelt. Jedes Wort des Korans stammt von Allah und erreichte uns auf dem Wege der Überlieferung, ohne die kleinste Veränderung und durch zuverlässige Tradenten, von denen es unmöglich ist anzunehmen, dass sie allesamt etwas Falsches überliefert hätten.

Der Koran ist in jeder Hinsicht die grundlegende Quelle und der Wegweiser der Muslime. Allah beschreibt den Koran wie folgt: „Dieser Koran leitet gewiss zu dem, was richtig ist, und verheißt den Gläubigen, die das Rechte tun, großen Lohn.“ [17:9] Im Vers „…Dieser Koran wurde mir offenbart, um euch damit zu warnen und jeden, zu dem er gelangt…“ [6:19] wird der Koran als Wegweiser an den Propheten, der die Aufgabe hat, die gesamte Menschheit zu warnen, beschrieben. In einem anderen Vers wird der als Führer von der Dunkelheit ins Licht beschrieben:„Alif. Lâm. Râ. Dies ist ein Buch, das Wir zu dir hinabgesandt haben, damit du die Menschen mit deines Herrn Erlaubnis aus den Finsternissen zum Lichte führst, auf den Weg des Mächtigen, des Preiswürdigen, Allah, Dem gehört, was in den Himmeln und was auf Erden ist. Und wehe den Ungläubigen angesichts einer strengen Strafe.“ [14:1][14:2] Ferner wird die Eindeutigkeit und Verständlichkeit des Korans folgendermaßen ausgedrückt: „Alif. Lâm. Râ. (Dies ist) ein Buch, dessen Verse eindeutig bestimmt und dann im einzelnen erklärt sind, von einem Weisen, einem Kundigen.“[11:1]

Seit den Anfängen der Offenbarung haben die Muslime dem Koran einen besonderen Wert beigemessen und große Anstrengungen unternommen, ihn richtig zu verstehen. Die Gefährten des Gesandten Gottes und die folgenden Generationen haben in dieser Hinsicht keine Mühen gescheut. Das Recht (Fikh) und die Theologie (Kalâm), wie wir sie heute kennen, sind Resultate der Bemühungen um das Verständnis des Korans.

Andererseits muss angemerkt werden, dass sich für die ersten Adressaten des Korans die Frage „Wie muss ich den Koran verstehen?“ gar nicht stellte, da er in ihrer Zeit, in einer ihnen vollkommen vertrauten Sprache und ihren Bedürfnissen entsprechend offenbart wurde. Viel wichtiger als diese Feststellung ist jedoch, dass sich der Gesandte Gottes unter ihnen befand und somit die Möglichkeit gegeben war, Missverständnisse zu beseitigen. Nach dem Versterben des Gesandten Gottes bestand diese Möglichkeit nicht mehr und infolge dessen begann die Problematik des rechten Verständnisses.

Die Bemühungen um ein richtiges Verständnis des Korans basierten auf den Hinweisen, die diesbezüglich im Koran selbst zu finden sind sowie auf den Kommentaren des Gesandten Gottes und angesehener Gefährten wie Aischa (ra). Von dieser Grundlage ausgehend wurde eine Koranexegese (Tafsîr) entwickelt, die auf Überlieferungen und überlieferten Meinungen beruht. Bei dieser Methode der Exegese, in der ursprünglich die Meinung des Exegeten keinen Platz hatte, wurde mit der Zeit um persönliche Interpretationen erweitert, um auf diese Weise Lösungen für aufkommende Probleme zu finden. Ein anderer Ansatz der Koranexegese bezieht, neben den Überlieferungen, auch die sprachlichen Besonderheiten des Arabischen wie die Bedeutungsvielfalt einzelner Worte und deren Auswirkungen auf die Aussage eines Verses sowie die Hintergründe einzelner Offenbarungen (Asbâb an-Nuzûl) und den Sachverhalt der Abrogation (Nash) mit ein. In späteren Epochen wurde entsprechend den wissenschaftlichen Fortschritten auch die Exegese immer umfassender.

Es ist offensichtlich, dass die Exegese, egal welche Methode benutzt wird, für die Muslime eine herausragende Bedeutung hinsichtlich des Verständnisses der Offanbarung besitzt. In den vergangenen Jahrhunderten hat man sich auf die Reproduktion der Interpretationen und Rechtsmeinungen (Idschtihâd) früherer Gelehrter beschränkt, weil die Annahme vorherrschte, dass es keine weiteren Herangehensweisen an den Koran und die Sunna geben könne und von nun an das „Tor des Idschtihâd“ geschlossen sei. Andererseits gab es auch die Meinung, dass es sehr wohl neue Herangehensweisen bezüglich der Interpretation des Korans und der Sunna geben könne. Ohne die klassischen Quellen abzulehnen, doch mit der Absicht neue Lösungswege für neue Probleme zu entwickeln, wurden auch völlig neue Rechtsmeinungen formuliert. Auch wenn es zwischen diesen Ansichten diverse Konfliktpunkte gab, bezogen sich diese eher auf die Methodik und nicht auf die Sichtweise an sich.

In letzter Zeit haben sich im Bemühen um ein richtiges Verstehen des Korans diverse Ansätze entwickelt. So gibt es ein breitgefächertes Interpretationsspektrum, dass von einem Koranverständnis, wonach der Koran als literarischer Text zu lesen ist, bis zur Sichtweise, nach der es notwendig ist, den Koran so zu lesen, als würde er hier und jetzt offenbart werden, reicht.

Unter den neueren Methoden der Exegese findet sich auch die „hermeneutische“ bzw. „historische“ Koranexegese. Dieser Ansatz beschäftigt muslimische Intelektuelle immer mehr und wird stark diskutiert. Mit dem Ziel, koranische Lösungsansätze für zeitgenössische Probleme zu finden, bedient sich diese sich allmählich entwickelnde Denkweise neben den klassischen islamischen Quellen und Methoden auch hermeneutischer und historisch-kritischer Ansätze, die ihre Wurzeln in der westlichen Geistegeschichte haben. Der „historische Ansatz” konzentriert sich nicht so sehr auf die Frage, wie der Koran zu verstehen ist, sondern wie er nicht zu verstehen ist, und muss als Antwort auf die Tendenz, das Religiöse aus dem gesellschaftlichen Leben zu verbannen, gesehen werden. Gemäß dieser Denkweise hat der Koran, der sowohl historisch als auch geografische eingegrenzt ist, nur innerhalb dieser Zeit und dieser Region seine Wirkung entfalten können. Diese mit der zeitlichen und räumlichen Gültigkeit der koranischen Verse zusammenhängende Herangehensweise ist der traditionellen Koranexegese zwar nicht gänzlich fremd, wirft aber dort Fragen auf, wo göttliche Gebote mit menschlichen Argumenten realtiviert werden. In diesem Zusammenhang muss auch die Frage der Originalität dieser Herangehensweise gestellt werden. Inwieweit kann dieser Ansatz als neu bzw. originär angesehen werden, wenn man sich die Existenz rechtsmethodologischer Werkzeuge wie den „Ihtihsân“ (Bevorzugung), die „Maslaha“ (Gemeinwohl) oder die „Makâsid asch-Scharîa“ (Ziele der Scharîa) vor Augen führt.

Auch wenn noch keine ausgereiften Standpunkte sichtbar und keine klare Eingrenzung möglich ist, kann zwischen zwei historsichen Ansätzen unterschieden werden. Im Unterschied zu dem eben umschriebenen Ansatz, konzentriert sich ein anderer historischer Ansatz mehr auf den litarischen Wert des koranischen Textes, und lässt die Tatsache des Ursprungs des Korans außer Acht. Dies führt sogar zur Annahme, dass einige Erzählungen über frühere Propheten keine Tatsachen darstellten oder der Unterstellung, dass der Gesandte Gottes Muhammad (saw) sich nicht an den Koran hielt, während er andere dazu aufrief.

Der historische Ansatz hat in letzter Zeit zu vielen Diskussion in der islamischen Welt geführt, von denen nicht alle auf einer soliden Grundlage fußen. Bei vielen Diskussionen geht es anscheinend mehr um die Absicht, die hinter einer Meinung vermutet wird, als um das Argument ans sich. Besonders diejenigen Intellektuellen, die eine historische Betrachtung des Korans vertreten, werden beschuldigt Reformisten oder Modernisten zu sein und die Grundlage des Islams, den Koran, zu beschädigen. Indes argumentieren die Befürtworter dieses Ansatzes, dass sie lediglich die Absicht hegen, dem Koran, der mehr und mehr aus dem gesellschaftlichen Leben verdrängt wird, wieder in die Mitte des Lebens zu verhelfen. Unabhängig davon muss ebenfalls bemerkt werden, das sogar die Gegner dieser Denkweise – bewusst oder unbewusst – von Teilen dieses Ansatzes Gebrauch machen, da ihnen eine ganzheitliche Methodolgie fehlt bzw. abhanden gekommen ist.

Während wir die Diskussion um die historisch-kritische Koranexegese zu verfolgen versuchen, gehen wir von der zeitlichen und räumlichen Universalität der koranischen Gebote aus, vertreten aber die Meinung, dass in jeder Epoche die sich immer weiter entwickelnden Methoden der Koranexegese erweitert werden müssen.